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Interview mit Anna „Dr. Goodfood” Kruyswijk

Anna Kruyswijk ist das Gesicht von „Dr. Goodfood“ und entwickelte 10 Rezepte, die zum Kampagnenstart am 22. September 2018 präsentiert werden. Als Ärztin beschäftigt sich Frau Kruyswijk bereits seit über 30 Jahren mit dem Thema Ernährung. Wir haben ihr auf den Zahl gefühlt und sie nach ihrer Faszination für Lebensmittel, ihrer Zukunftsvision für die Medizin und ihrer Vorliebe für Bio-Essen gefragt.

Dr. Kruyswijk, woher kommt das Interesse für Ernährung?
„Schon als Kind hatte ich ein großes Interesse an allem, was lebt und wächst. Als Schulkind hatte ich bereits meinen eigenen Gemüsegarten und lief immer mit Pflanzen unterm Arm durch die Gegend. Für mich war es selbstverständlich, Teil von diesem großen lebendigen Organismus zu sein. Im Medizinstudium war ich dann einigermaßen überrascht, dass dem überhaupt keine Aufmerksamkeit geschenkt wurde: Dass wir als Menschen doch Teil einer natürlichen Umgebung sind, zu der wir z.B. in Form der Nahrungsaufnahme eine Verbindung herstellen.“

„Nach dem Medizinstudium war ich dann eine Zeit lang als Hausärztin tätig. Für mich war es selbstredend, meinen Patienten vor allem Ernährungstipps mit auf den Weg zu geben. Nach einigen Jahren begann ich eine beratende Tätigkeit als ganzheitliche Ärztin. In dieser Funktion gab ich Ratschläge zu gesunder Ernährung und einem gesunden Lebensstil – und setzte zur Behandlung natürliche Mittel ein, wie Kräuter und Nahrungsergänzungsmittel. Viele Kinder mit Allergien und Unverträglichkeiten gehörten zu meinen Patienten – so auch Steffi Hazen, die jetzt selbst ausgebildete Ernährungsberaterin ist und mich in der „Dr. Goodfood“-Kampagne tatkräftig unterstützt!“

„Meine schulmedizinische Ausbildung will ich nicht verteufeln, ich fand sie nur nicht breit genug aufgestellt, und so habe ich als Studentin der Medizin noch allerlei andere Kurse besucht. Dabei suchte ich vor allem nach Berührungspunkten mit dem althergebrachten Wissen aus z.B. der traditionellen chinesischen Medizin oder dem indischen Ayurveda. Diese Kenntnisse konnten sich tausende Jahre lang behaupten und werden auch heute noch erfolgreich abgewendet.“

Wie groß ist Ihrer Meinung nach die Rolle von Ernährung für unsere Gesundheit?
„Ernährung ist die Grundlage der Gesundheit, weil alle unsere Zellen auf Ernährung basieren. Wird man einmal krank, ist Ernährung alleine oft nicht ausreichend, um wieder gesund zu werden – manchmal aber schon. Meistens aber ist dann eine zusätzliche Hilfe nötig, in Form natürlicher Mittel beispielsweise, Änderungen in der Lebensweise oder auch Medikamente, wenn nötig.“

Warum sind Sie Teil der „Dr. Goodfood“-Kampagne?
„Als Ärztin habe ich über 30 Jahre lang mit Ernährung zu tun gehabt. Dieses Wissen will ich nutzen, um Menschen zu helfen. Es ist ganz wichtig, dass der Pflege unserer Gesundheit von Grund auf viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird! Die Ernährung spielt dabei eine wichtige Rolle: In erster Instanz, um gesund zu bleiben – Ernährungsberatung und die Umstellung auf eine gesunde Lebensweise können aber auch wie Medizin dabei helfen, wieder gesund zu werden. Dennoch wird dem Bereich ‚Ernährung‘ seitens der Medizin kaum Beachtung geschenkt. Deshalb ist es so wichtig, in Kampagnen und Bündnissen unsere Kräfte zu bündeln, um auf diesen wichtigen Faktor aufmerksam zu machen! Wissenschaftliche Belege für die positiven Effekte von Obst und Gemüse auf unsere Gesundheit gibt es zuhauf. Darüber besteht ein breiter Konsens, denke ich. Und dennoch werden sie als Heilmittel nicht eingesetzt. Also nennen Sie mir bitte einen guten Grund, warum Bio-Obst und -Gemüse meine Gesundheit nicht unterstützen sollten?!“

Praktizieren Sie aktuell noch?
„Nein, 2008 habe ich meine Praxis aufgegeben und mich auf die Ausbildung konzentriert. Als Ärztin überwache ich nur noch die Gesundheit meiner Familie. Heute bilde ich Therapeuten und Ärzte aus, die ihr Wissen im Bereich Ernährung erweitern wollen. Manchmal werde ich an Universitäten oder auf Fachkongresse eingeladen, und bekomme nach meinem Vortrag immer die gleiche Antwort zu hören: ‚Interessant, aber nicht evidenzbasiert.‘ Natürlich untermauere ich alles, was ich tue und sage, mit wissenschaftlichen Quellen, aber laut der Richtlinien sind das keine ‚harten Beweise‘.“

Wie stehen Sie zur evidenzbasierten Medizin?
„Das Problem ist, dass es in der Medizin keine Definition von ‚harten Beweisen‘ gibt. Tatsächlich gibt es seit Karl Popper nicht einmal ‚harte Beweise’ in der Wissenschaft, man kann höchstens etwas fälschen. Randomisierte, placebokontrollierte und doppelblind durchgeführte Studien als alleinigen Maßstab heranzuziehen, halte ich für ziemlich willkürlich. Natürlich muss unser Tun auf irgendeiner Datenlage beruhen, aber in der Form, wie es jetzt passiert, ist es einseitig und führt zu vielen Einschränkungen. Wir Mediziner stecken in der Zwangsjacke der evidenzbasierten Medizin fest – und in der damit verbundenen Hierarchie wissenschaftlicher Beweise. Nicht nur ich sage das, sondern z.B. auch der renommierte Krebsspezialist Caspar van Eijck, der gerne mehr mit Kurkuma arbeiten würde, aber derzeit keinerlei Chancen dafür sieht.“

Wie sind die Rezepte entstanden, mit denen die Kampagne „Dr. Goodfood“ nun startet?
„Viele Menschen leiden unter Beschwerden oder kleinen Wehwehchen. Sie brauchen handfestes Wissen, um diese Beschwerden sinnvoll verhindern zu können oder die Genesung zu unterstützen, ohne sofort zur Pillendose zu greifen. Dafür habe ich die Rezepte entwickelt und eine Art umgekehrte Arbeitsweise befolgt. Normalerweise schaust du dir das Angebot im Laden an, kaufst etwas und kochst dann damit. Jetzt aber habe ich in der Fachliteratur nach Informationen zur Wirkung pflanzlicher Lebensmittel gesucht – und daraus Rezepte zusammengestellt.“

„Für mich war diese umgekehrte Arbeitsweise eine interessante Erfahrung, denn das hatte ich bisher noch nie gemacht. Die 10 entstandenen Rezepte funktionieren vorbeugend, haben aber auch einen positiven Effekt auf den Genesungsprozess. Ich habe probiert, es so einfach wie möglich zu halten, ohne viel Getue. Bei den Gerichten handelt es sich um Snacks oder Beilagen – Sie können selbst entscheiden, welche Einweißquelle Sie beispielsweise dazu essen möchten. Es gibt übrigens noch viel mehr Rezepte von mir! Ich hoffe, dass wir einige davon noch veröffentlichen können.“ 

Wie untermauern Sie Ihren Ansatz?
„Ich betrachte wissenschaftliche Forschungsergebnisse sehr viel umfassender – umfassender, als nur diese eine Kategorie von Forschung zuzulassen. Man muss auch kontextbezogene Beweise zulassen und von einem Systemansatz ausgehen, bei dem alle möglichen Einflüsse auf die Gesundheit, wie Ernährung und Lebensstil, mit berücksichtigt werden. Wenn man nur nach einer Einflussgröße schaut, wie das in der konventionellen Medizin der Fall ist, dann schaut man auch nur nach einer Ursache und einer Behandlungsmethode. Aber wenn man das gesamte System, welches wir Menschen nur einmal sind, berücksichtigt, sind Gesundheit und Krankheit immer eine Summe von Ursachen. Darum muss man Gesundheit immer als Ganzes anpacken. Als Ärztin habe ich immer gemäß dieser ganzheitlichen Sichtweise praktiziert und meinen Patienten empfohlen: Legen Sie sich gesunde Routinen zu und sorgen Sie mit Ernährung, mit Ruhe und Bewegung für Ihr Wohlbefinden.“

Wie kommt es, dass sich die Medizin so wenig mit der Ernährung beschäftigt?
„Durch die Überbetonung der evidenzbasierten Medizin ist die Verwendung von natürlichen Heilmitteln fast unmöglich für normale Ärzte. Man muss sich aber auch vor Augen führen, dass die westliche Medizin lange Zeit ganz anders aussah. Hippokrates, der ja als Vater unserer heutigen Medizin gilt, griff vor allem in die Ernährungsgewohnheiten und Lebensweisen seiner Patienten ein. Vor allem in den letzten 50 Jahren haben wir viel von diesem Wissen verloren. Ich habe mein Medizinstudium in den 70er Jahren absolviert, damals wurden uns sogar noch Diäten als Behandlungsmethode bei bestimmten Krankheiten beigebracht. Dann kam die evidenzbasierte Medizin, und alles, was sich bis dahin als gut und richtig erwiesen hatte, galt plötzlich nichts mehr – inklusive der Diäten. Denn ihre Wirkung war schlicht nicht nachweisbar.“

„Die Kosten für die Art von Forschung, die als ‚harter Beweis’ angesehen wird, sind so hoch, dass sie nur für große Pharmaunternehmen erschwinglich sind. Infolgedessen erhielten diese Unternehmen eine Art exklusives Recht auf ‚Heilung’. Natürliche Medikamente werden von Lobbyisten mit dem Argument gestoppt, dass es für ihre Wirkung noch keine ‚harten Beweise’ gibt. Auch, wenn man ihre Wirkung zu 99% mit Indizien belegen kann. Auch, wenn Sie als Arzt nach dreißig Jahren Erfahrung die Hand dafür ins Feuer legen würden. An der Entwicklung solcher Lösungen besteht dennoch kein Interesse, denn die Industrie kann damit nichts verdienen.“

Ist das nicht frustrierend für Ärzte und Ernährungsberater, die ihre Patienten ja verstärkt durch Lebensmittel kurieren wollen?
„Ja. Natürlich ist es das. Besonders, wenn Sie daran denken, wie oft Pharmaunternehmen Medikamente auf den Markt bringen, die aufgrund unvorhergesehener Nebenwirkungen nach fünf Jahren bereits wieder zurückgerufen werden. Ärzte und Ernährungsberater dürfen keine Diät als Heilmittel verschreiben, obwohl die Menschheit seit tausenden von Jahren Erfahrung damit hat – und die Erfahrung aus der Praxis die Wirkung bestimmter Ernährungsregeln bestätigt. Wenn Menschen mit einem natürlichen Mittel geholfen ist, dass man dazu noch in jedem Supermarkt bekommt, wie beispielsweise Kurkuma, warum verbietet man uns Ärzten dann, dieses einzusetzen?“

Als es darum ging, dass Sie in die Rolle von Dr. Goodfood schlüpfen, stellten Sie als Bedingung, sich für Bio-Lebensmittel aussprechen zu dürfen. Warum ist Ihnen Bio so wichtig? 
„Dafür gibt es zwei Gründe: Das, was drin ist, und das, was nicht drin ist. Aber schauen wir erst nach dem, was in der Regel nicht drin ist in Bio: Rückstände von chemisch-synthetischen Pestiziden, Düngemitteln, Hormonen, Gentechnik und Antibiotika. Oder auch Glyphosat. Vor ein paar Wochen wurde Monsanto zu einer Geldstrafe von 289 Millionen Dollar verurteilt, die sie einem amerikanischen Hausmeister zahlen müssen, der, nachdem er jahrelang das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat bzw. Roundup eingesetzt hatte, an Krebs erkrankt ist. In diesem Fall wurde auch deutlich, wie groß der Interessenkonflikt zwischen Chemielobby und Wissenschaft ist. Für mich ist ein Teil der Wissenschaft nicht länger vertrauenswürdig, wenn es gelingt, Substanzen wie Glyphosat für weitere 5 Jahre zuzulassen. Der Lobby sei Dank!“

„Pestizidrückstände wirken oft hormonstörend und sind schlecht für das Darmmicrobiom, das Ökosystem im Darm, das hauptsächlich aus Bakterien, aber auch aus Viren und Pilzen besteht. So kann beispielsweise Adipositas gefördert werden. Ja, auch im ökologischen Landbau werden natürliche Pestizide eingesetzt, und wie überall gibt es auch hier schwarze Schafe, die sich nicht an die Regeln und Richtlinien halten. Aber wenn man sich Studien zu diesem Thema anschaut, dann enthalten biologische Erzeugnisse strukturell weniger Pestizidrückstände – und wenn Rückstände gefunden werden, dann stammen diese hauptsächlich aus der konventionellen Landwirtschaft und wurden durch die normalen Luftbewegungen verteilt. Wer ganz auf Nummer Sicher gehen will, der greift zu Produkten aus biologisch-dynamischer Landwirtschaft.“

Schauen wir noch auf das, was Bio sehr wohl enthält – und womit der Arzt arbeiten kann.
„Das sind insbesondere die Phytonährstoffe, Pflanzennährstoffe wie Sulforaphane, Polyphenole, Flavonoide und Curcuminoide. Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente sind uns seit Langem bekannt. Sie finden sich in allen Arten von Lebensmitteln. Phytonährstoffe kommen nur in Pflanzen vor: Das Wort ‚Phyto’ bedeutet ‚Pflanze‘. Erst seit 15 Jahren wissen wir überhaupt, welch große Bedeutung Phytonährstoffe für unser Gesundheits- und Immunsystem haben. Sie erweisen sich als unglaublich wichtige Substanzen, die uns unter anderem vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs schützen. Viele dieser Substanzen sind Antioxidantien, die schädliche Partikel neutralisieren können.“

„Biologisch erzeugte, pflanzliche Lebensmittel enthalten laut Forschung eine viel größere Menge dieser Substanzen – oft sind es die gleichen Stoffe, die unserem Obst und Gemüse eine so appetitliche Farbe verleihen. Oder es sind Stoffe, die die Pflanze zur Schädlingsabwehr produziert. Spritzt man eine Pflanze mit chemischen Schädlingsbekämpfungsmitteln, muss die Pflanze sich nicht mehr selbst verteidigen können und stellt die Produktion dieser für uns so gesunden Abwehrstoffe ein. Gerade diese Stoffe aber helfen uns dabei, gesund zu bleiben! Wie Hilfstruppen, die unser Körper aus der Nahrung holt. Sie wirken präventiv.“

„Die Auswirkungen des massiven Einsatzes von Kunstdünger zu Beginn des letzten Jahrhunderts auf die Gesundheit der Menschen wurden schon 1940 von einem Arzt beschrieben. Dünger sorgt dafür, dass Pflanzen schneller wachsen und möglicherweise weniger Phytonährstoffe enthalten. Dieser Arzt schrieb über die Beziehung zwischen kranken Patienten und dem Verzehr von immer gehaltloseren Lebensmitteln. Wenn man eine Pflanze schnell in die Luft schießen lässt, muss man sich fragen, ob sie dann noch genug Zeit hat, die gleiche Menge und Qualität an gesunden Inhaltsstoffen auszubilden wie eine Pflanze, die man in ihrem eigenen natürlichen Tempo wachsen lässt. In der biologischen Landwirtschaft wird kein Kunstdünger verwendet. Eins uns eins zusammenzählen können muss jeder selbst.“

Was halten Sie von den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen über das Immunsystem und die Verdauung?
„Diese neuen Entwicklungen im wissenschaftlichen Bereich rund um das Darmmicrobiom sind faszinierend und bestätigen viele seit Langem bestehende Erkenntnisse. Es wird immer deutlicher, dass das Microbiom im Darm nicht nur unsere körperliche, sondern auch unsere psychische Gesundheit beeinflusst. Ich habe im Laufe der Jahre erlebt, wie Menschen mit einer depressiven Störung oder mit Angstzuständen durch eine Darm-Behandlung eine Besserung erfahren haben. Dieser Zusammenhang ist in der Naturheilkunde seit Langem bekannt, aber erst jetzt wird er wissenschaftlich fundiert und so präsentiert wird, als wäre er neu.“

„Es besteht auch ein faszinierender Zusammenhang zwischen Bodengesundheit und Bodenleben auf der einen Seite und unserer Gesundheit bzw. Darmflora auf der anderen Seite. Zwischen beiden Systemen gibt es einen natürlichen Austausch. Wenn wir das Bodenleben kaputt machen, machen wir auch unsere Nahrungsmittel weniger gesund. Unsere Gesundheit hängt ab von der Gesundheit unserer Böden.“

„Pflanzenfasern wirken sich positiv auf unser Darmmicrobiom aus – deshalb ist es so wichtig, genug Obst und Gemüse zu verzehren. Vorzugsweise aus ökologischem Anbau, weil Pestizide und deren Rückstände einen schädlichen Einfluss auf unsere Darmflora haben.“

Wie schaffen wir es, dass die Rolle, die Ernährung für unsere Gesundheit spielt, stärker wahrgenommen und wertgeschätzt wird?
„Durch Bewusstmachung, Aufklärung, Information. Wenn Sie einkaufen gehen, was packen Sie dann in Ihren Korb? Jeder hat selbst die Macht darüber, was er oder sie isst. Es macht wenig Sinn, darauf zu warten, bis die Politik hierzu Gesetze verabschiedet – oder Ernährung einen viel höheren Stellenwert in der Ausbildung unserer Mediziner einnimmt. Ich empfehle einfach jedem: Probieren Sie doch mal ein halbes Jahr lang, viel Obst und Gemüse zu essen, vorzugsweise aus Bio-Anbau, und beobachten Sie, was es mit Ihnen macht. Als weiterer Pluspunkt kommt hinzu: Menschen, die sich bewusster mit ihrer Ernährung beschäftigen, verbessern meist ihre gesamte Lebensweise – bewegen sich mehr, tun mehr für ihre mentale Entspannung, trinken ausreichend und essen weniger Fleisch. Alles Maßnahmen, die nicht nur für unsere Gesundheit gut sind, sondern auch für die Gesundheit unseres Planeten!“

Die niederländische Regierung erhöht die Mehrwertsteuer für Lebensmittel, also auch für Obst und Gemüse, von 6 auf 9 Prozent. Was halten Sie davon?
„Das ist bizarr und kontraproduktiv – in einem Land, dass neben Rumänien Schlusslicht im Pro-Kopf-Verzehr von Obst und Gemüse in Europa ist. Gesunde Lebensmittel werden teurer, während immer mehr Niederländer fettleibig sind. Gleichzeitig wird die Steuer auf zuckerfreie Erfrischungsgetränke reduziert. Was will man mit solchen Maßnahmen aussagen? Denn was enthalten zuckerfreie Erfrischungsgetränke? Aspartam und andere künstliche Süßstoffe. In der renommierten Zeitschrift Nature wurde eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass Aspartam und Co. unsere Darmbakterien abtöten, wodurch unser Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht gerät, was wiederum zu einer Gewichtszunahme führt. Die einzigen, die von solchen Maßnahmen profitieren, sind die Hersteller von Erfrischungsgetränken, wie PepsiCo und Coca Cola. Das Argument der wissenschaftlichen Beweiskraft gilt in diesem Fall offenbar weniger als die Industrielobby.“

Welche Auswirkungen hat diese Art von Lebensmittelpolitik?
„Es ist eine Form der Diskriminierung, denn vor allem für Menschen mit einem kleinen Geldbeutel wird dadurch der Zugang zu gesunden Lebensmitteln erschwert – und der Kauf ungesunder Lebensmittel subventioniert. Das wird sich mit Sicherheit auch auf ihre Gesundheit auswirken. Ich halte es für unklug, dass die Regierung durch eine höhere Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse mitverdienen will an Produkten, die unsere Gesundheit fördern. Eine Milchmädchen-Rechnung. Denn was man daran als Regierung ‚verdient’, zahlt man später doppelt und dreifach durch höhere Ausgaben für das Gesundheitssystem zurück.“

„Wenn man es zynisch betrachtet, könnte man sagen: die Regierung sorgt dafür, dass die Pharmaunternehmen auch in Zukunft einen ausreichend großen Absatzmarkt haben. Die Pharmaindustrie ist schlichtweg auf kranke Menschen angewiesen – Krankheit ist ihr Businessmodell, an gesunden Menschen kann man schwerlich etwas verdienen. Deshalb finde ich: Ärzte sollte nicht für das Heilen kranker Menschen bezahlt werden, sondern für die Gesunderhaltung gesunder Menschen! So war es übrigens im alten China Brauch, habe ich gelesen. In meine Praxis kamen regelmäßig Menschen, die nicht krank waren, sondern einfach nur ihre Gesundheit erhalten und stärken wollten. So eine Sichtweise ist natürlich klasse! Damit kann man sehr konstruktiv arbeiten.“

Wie stehen Sie zum Thema Fleischessen?
„Ich selbst ernähre mich vegetarisch. Aber natürlich soll jeder tun, was für ihn richtig ist. Jedoch ist täglicher Fleischverzehr weder für unseren Körper nötig, noch sinnvoll. In den sogenannten „Blauen Zonen“, also den Gegenden auf der Erde mit einer besonders hohen Lebenserwartung, essen die Menschen in der Regel nur einmal pro Woche Fisch oder Fleisch. Tierische Proteine kommen dann schon eher als Käse oder Ei auf den Tisch, Hauptbestandteil ihrer Ernährung ist jedoch pflanzliche Nahrung, die in einem guten Boden gewachsen ist. Die „Blauen Zonen“ befinden sich immer in Gegenden mit einem sehr mineralreichen und vitalen Boden. Ein Problem unser Nahrungsmittelproduktion heute ist nämlich, dass es vielerorts nur noch verarmte, ausgelaugte Böden gibt – als Folge einer intensiven Landwirtschaft.“

Bei der Kampagne „Dr. Goodfood“ dreht sich alles um Ernährung. Kann Ernährung denn überhaupt unabhängig von anderen Aspekten der Lebensweise betrachtet werden?
„Betrachtet man alle Faktoren, die einen Einfluss auf unsere Gesundheit haben, ist Ernährung ein ganz wichtiger Teil davon. Sie ist auch die erste Stellschraube, an der wir drehen können, wenn wir mehr tun wollen für unser Wohlbefinden. Deshalb ist es ganz wichtig, dieses Thema zu beleuchten und in den Fokus zu rücken – und den Menschen genaue Anleitungen mit auf den Weg zu geben. Aber natürlich gibt es noch viele andere Einflussgrößen auf unsere Gesundheit: Ruhe, Schlaf, Biorhythmus, Bewegung, Alkohol, Zigaretten, Stress. Was auch sehr wichtig ist, sind die Umwelteinflüsse, zum Beispiel chemische Substanzen in unserem Lebensumfeld. Was das angeht, ist die Lage sogar ziemlich besorgniserregend – denn unser gesamtes Ökosystem ist damit belastet. Sie merken lange Zeit nichts davon, aber im Laufe von 50 oder 60 Jahren häuft sich da einiges an, und irgendwann ist’s genug. Dann erleben wir die Konsequenzen für unsere eigene Gesundheit. Denken Sie dabei nicht nur an die Emissionen aus Landwirtschaft und Verkehr, sondern auch an die Chemie im Haushalt, wie z.B. hormonstörende Substanzen in Pflegeprodukten und Plastikverpackungen. Unsere Ernährung ist die erste Anlaufstelle, wenn wir wieder Kontrolle darüber zurückerlangen wollen, was in unseren Körper kommt.“

 

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